Gigaset Senioren-Smartphone GS195LS im Praxistest

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Senioren sind nicht nur eine große, sondern auch eine zahlungskräftige Zielgruppe. Kein Wunder also, dass auch der deutsche Smartphone-Hersteller Gigaset diese wichtige Zielgruppe für sich entdeckt hat. Die Ansprüche der Generation 60+ an die Geräte unterscheiden sich dabei gar nicht so sehr von denen der jüngeren Smartphone-Nutzer: Auch Sie geben an, Spaß an Technik zu haben und sich intensiv mit den Geräten zu beschäftigen. Das jedenfalls zeigt die aktuelle Studie „Smart im Alltag 2019“. Diese ergab, dass Senioren keinesfalls technikfeindlich sind und viele auch Spaß an neuer Technik haben. Doch nicht das Design, ein schneller Prozessor oder viele Zusatzfunktionen stehen bei Ihnen auf der Wunschliste. Deutlich wichtiger ist diesen ein großes und gut lesbares Display und eine leichte Bedienbarkeit. Mit dem neuen GS195LS stellte Gigaset nun ein modernes Smartphone vor, welches besonders mit einfacher selbsterklärender Benutzeroberfläche und einer integrierten Notruffunktion bei Senioren punkten soll.

GS195LS mit spezieller Bedienoberfläche

Rein technisch gesehen handelt es sich dabei um das neue Gigaset GS195, welches bereits seit Mitte 2019 im Handel ist und das GS185 als Nachfolger beerbt. Entsprechend modern ist das Gerät ausgestattet, verfügt beispielsweise über eine rückseitige Dual-Kamera, einen Fingerabdrucksensor und ein mit 6,2 Zoll (15,7 Zentimeter) großzügig bemessenes LCD-Display mit einer Auflösung von 2246 x 108 Pixeln (Full HD+) im Seitenverhältnis 19:9. Ein wichtiges Feature für die Zielgruppe, denn ein möglichst großes Display war eines der gewünschten Features in der Smartphone-Umfrage. Dort gaben aber auch viele Senioren an, nicht mit den kleinen Symbolen bei Smartphones zurecht zu kommen. Beim GS195LS wird dieses Manko durch eine spezielle App von Gigaset erfüllt, die automatisch immer aktiv ist und mit sehr großen Symbolen punkten kann. Diese ist in Wabenform gehalten und mit großen Symbolen ausgestattet. Die Startseite beherbergt dabei die wichtigsten Telefoniefunktionen wie Anruffunktion, Telefonbuch, einen SMS-Funktion oder ein Kurzwahlspeicher für die wichtigsten Kontakte. Dabei lässt sich die Startseite auf Wunsch auch mit den weiteren Funktionen Internet und Email erweitern, sofern dies vom Nutzer gewünscht ist.

Eine besondere Funktion ist der Notruf auf der linken unteren Wabe. Dieser ist rot gekennzeichnet und führ in ein spezielles Untermenü. Dort lässt sich der Notruf 110 mit einem Knopfdruck wählen. Außerdem gibt es dort den Punkt „Notrufkontakte anrufen“ und „Notfall-SMS versenden“. Hier können entsprechende Kontaktpersonen hinterlegt werden, die im Notfall angerufen werden oder eine SMS erhalten. Das könnte beispielsweise ein Angehöriger oder ein Pflegedienst sein. SMS werden dabei an alle hinterlegten Rufnummern versendet, sobald der Knopf gedrückt wird. Angerufen wird dagegen zunächst der erste hinterlegte Kontakt, die restlichen Kontakte werden zur weiteren Auswahl angeboten. Das ist eine Funktion, die bekannten Systemen wie dem Johanniter Hausnotruf oder anderen Funknotrufen ähnelt und dem Nutzer eine deutlich erhöhte Sicherheit bietet, ohne auf ein kostenpflichtiges Notrufsystem zurückgreifen zu müssen.

Integrierte Notruffunktion

Auch Android-Apps nutzbar

Grundsätzlich lässt sich das Smartphone so einrichten, dass außer dem Startbildschirm keine weiteren Funktionen zur Verfügung stehen. Das ist immer dann sinnvoll, wenn das Telefon wirklich nur als Kommunikationsmittel für Telefonate verwendet werden soll. Doch natürlich werden dann die Funktionen des Gerätes nicht einmal ansatzweise genutzt. Doch natürlich können auch beispielsweise Internetfunktionen und sogar alle Android-Apps eingebunden werden. Hierzu muss nur die entsprechende Funktion im Menü aktiviert werden.

Dann stellt das GS195LS einen zweiten Bildschirm zur Verfügung, der dann über den Knopf „mehr“ unten rechts erreicht werden kann. Hier lassen sich bis zu acht Apps ebenfalls in großen Kacheln ablegen und auf diese Weise erreichen. Selbstverständlich werden dann die Apps selber in ihrer bekannten Form auf dem Display angezeigt, was je nach App wieder zu Bedienschwierigkeiten beim Nutzer führen kann. Hier muss je nach Lage individuell entschieden werden, ob und welche Apps eingebunden werden können. Übrigens: Es können natürlich auch mehr als acht Apps installiert werden. Dann aber werden die restlichen in einer Auswahlliste durch Drücken des Buttons „Apps“ angeboten.

Einrichtung

Anders als bei herkömmlichen Smartphones startet das GS195LS beim ersten Start gleich durch und bietet die Benutzung über die Kacheln an. Selbstverständlich kann aber auch ein Google-Konto eingebunden werden – das ist alleine schon zur Nutzung des Google Play Stores erforderlich. Vorteil: Im Google-Konto hinterlegte Kontakte werden dann automatisch in das Telefonbuch eingelesen. Über das Menü werden dann die entsprechenden Konfigurationen vorgenommen. Das Smartphone wird im Auslieferungszustand übrigens nicht bei Nichtnutzung gesperrt, sondern fällt nur in einen Sperrbildschirm mit Uhr- und Datumsanzeige zurück. Entsperrt wird durch einen einfachen Druck auf den Touchscreen. Das macht Sinn, denn eine mühsame Eingabe von PIN oder das Entsperren mit dem Fingerabdruck könnte im Notfall zum Problem werden. Hier geht sinnvollerweise die Sicherheit des Nutzers vor. Wobei natürlich auch auf herkömmliche Sicherheitsmechanismen von Android zurückgegriffen werden kann, wenn das gewünscht ist. Auch den Sperrbildschirm von Gigaset kann man bei Bedarf deaktivieren und durch eine klassische Bildschirmsperre ersetzen.

Keine Menüsperre

Gigaset gebührt viel Lob für die Umsetzung der seniorengerechten Benutzerführung des Gerätes. An einer Stelle gibt es aber auch Anlass zur Kritik: Wir fanden keine Möglichkeit, das Einrichtungsmenü der Senioren-App zu sperren, zum Beispiel mit einer PIN. So kann der Nutzer immer auch in dieses Menü gelangen und dort ggf. versehentlich Änderungen vornehmen. Besonders fatal wäre dies, wenn dort die Notruffunktion deaktiviert würde, was ohne weitere Sicherheitsnachfragen möglich ist. Vielleicht bessert Gigaset hier nochmal nach und erlaubt die Einrichtung einer Sperre. Dann könnte eine derartige Fehlbedienung verhindert werden.

Im Einstellungsmenü lassen sich alle Änderungen an der Senioren-App vornehmen. Leider gibt es keine Sperrfunktion für das Menü.

Kamera

Das Smartphone ist rückseitig mit einer Dual-Kamera ausgestattet, die mit 13 und 5 Megapixeln auflöst. Allerdings ist die zweite Kamera ausschließlich für künstliches Bokeh zuständig. Frontseitig kann die Selfie-Kamera immerhin mit 8 Megapixeln punkten. Videos können in Full-HD gedreht werden. In der Praxis waren wir aber von der Kamera enttäuscht, hier zeigen Mitbewerber mit gleichen technischen Daten deutlich bessere Ergebnisse. Lediglich bei guten Lichtverhältnissen ist die Bildqualität ausreichend. Sobald das Licht etwas dunkler wird, kämpft die Kamera mit sinkender Schärfe und starkem Bildrauschen. Hinzu kommt noch ein Bug bei der Bedienung der Kamera über die Senioren-App: Die dort hinterlegte App für die Kamera führt nicht zur Android-Standard-App, sondern nutzt eine von Gigaset mit – lobenswert – großen Bedienelementen. Aber: Es können keinerlei Einstellungen vorgenommen werden, es sind nur Fotos und keine Videos möglich und es gibt noch ein weiteres Problem. Wird ein Foto geschossen, quittiert das die App mit einem Klickgeräusch. Nach dem Geräusch wird jeder meinen, das Foto ist gemacht. Doch weit gefehlt, erst eine Sekunde später löst das Smartphone wirklich aus. An dieser Stelle hat man das Gerät vermutlich schon wieder verrissen und das Foto ist wertlos. Man muss also noch eine Sekunde länger warten, bis wirklich ein Foto gemacht wurde und das ist natürlich gewöhnungsbedürftig. Immerhin: Die Android-App funktioniert problemlos und dort sind auch Einstellungen möglich. Bei Bedarf kann man auch diese in den Einstellungen hinterlegen und umgeht damit die Probleme der hauseigenen App.

Bildschirm

Gut gefallen hat uns der kontrastreiche LCD-Bildschirm mit guter Helligkeit und Blickwinkelstabilität. Kamera, Lautsprecher und Näherungssensor sind hinter einem relativ großen Notch angebracht, der den Bildschirm im oberen Bereich teilt. Das stört bei der Nutzung der App von Gigaset aber kaum, da das Design optimal darauf abgestimmt ist.

Im Kachelmodus fällt die große Aussparung für Kamera, Lautsprecher und Näherungssensor kaum auf

Nur drei Bedienknöpfe gibt es an der Seite. Diese sind für Laut/Leise und Standby bzw. Aus- und Einschalten zuständig. Auf der Rückseite ist neben dem schon erwähnten Fingerabdruckscanner die etwas erhöhte Dual-Kamera und eine Blitzlicht-LED zu finden. Insgesamt macht das Smartphone einen optisch hochwertigen Eindruck und besticht beispielsweise durch eine verglaste Rückfront. Beim GS195LS ist hier übrigens im Gegensatz zum GS195 noch die Gravur „life Series“ (wofür auch die Abkürzung LS steht) zu finden. Außerdem liegt eine praktische transparente Schutzhülle bei, die das Smartphone für Senioren griffiger macht.

Magnetisches Ladekabel

Ein magnetisches Ladekabel gehört ebenfalls zur Zusatzausstattung des GS195 mit dem Zusatz LS. Eine sehr kluge Entscheidung, so wird das Anschließen des Ladekabels auch für Senioren zum Kinderspiel. Ausgestattet mit einem ausdauernden Akku mit 4000 mAh können auch längere Gespräche dem Smartphone nichts ausmachen. Im Test hielt dann auch das Gerät mehrere Tage aus, bevor es wieder an das Ladegerät mit 10 Watt Ladeleistung angeschlossen werden musste. Bis zu 9 Stunden Dauertelefonie sollen laut Gigaset möglich sein. Schade: Das kabellose Laden beherrscht das Smartphone leider nicht. Das wäre natürlich ein noch seniorengerechteres Feature gewesen.

Prozessor

Erwartungsgemäß gehört das Smartphone mit dem Quad-Prozessor Cortex A55 nicht zu den schnellsten Vertretern seiner Art und muss sich eher im Einsteigersegment einordnen. Mit nur 96261 Antutu-Punkten rangiert es eher am unteren Ende der Skala. Allerdings: Im Betrieb merkt man davon nicht viel. Das Gerät zeigte keine Hänger und regierte stets flüssig auf unsere Bedieneingaben. Auch scrollen und surfen geht flüssig vonstatten. Und zum Spielen aktueller Spiele wird das Gerät wohl kaum ein Senior nutzen wollen. Rein vom Gefühl her reicht der Prozessor also problemlos aus. Auch 32 Gigabyte Flash-Speicher sind für das Gerät vollkommen ausreichend, wenn auch nicht mehr ganz zeitgemäß – immerhin spendierten Mitbewerber ihre „Light“-Einsteigermodelle teilweise inzwischen mit bis zu 128 GB. Dennoch reicht der Platz auch für ein paar Musikalben, die dann auch über den Kopfhöreranschluss via Headset für Unterhaltung sorgen können. Auch ein UKW-Radio wurde hier verbaut – das erforderliche Headset liegt allerdings nicht mit bei. Bei Bedarf lässts ich der Speicher aber auch erweitern.

Dual-SIM

Der Karteneinschub nimmt zwei Nano-SIM-Karten und eine Micro-SD-Karte gleichzeitig auf

Lobenswert: Das Gerät kann auf Wunsch auch mit zwei SIM-Karten betrieben werden und bietet trotzdem noch Platz für eine Micro-SD-Karte bis zu 256 GB. Viele Mitbewerber erlauben aufgrund eines Hybridslots nur eines von beiden: zweite Sim oder Speichererweiterung. Auch moderne Features wie VoLTE (Voice over LTE) und VoWLAN (Voice over WLAN) sind vorhanden und werten das Smartphone weiter auf. Ausgeliefert wird das Senioren-Smartphone übrigens mit Android 9.0

Fazit

Das GS195LS entspricht technisch im Wesentlichen dem GS195, kann aber mit der integrierten Senioren-App als Smartphone für diese Zielgruppe voll überzeugen. Es liegt gut in der Hand, macht auch optisch einen guten Eindruck und ist dank großer Tastenfelder auch im Alter gut bedienbar. Besonders lobenswert sind die Notruffunktionen und generell das ganze Konzept der Bedienung für diese Zielgruppe. Da stört es weniger, dass die Prozessorgeschwindigkeit eher dem Einstiegssortiment zuzuordnen ist. So lange man keine grafisch aufwendigen Spiele nutzen möchte, läuft das Smartphone generell flüssig und reicht für den Anwendungszweck vollkommen aus. Allerdings hat Gigaset beim Kamerasetup gepatzt. Gerade heutzutage und auch bei der Zielgruppe der Senioren solle eine alltagstaugliche Kamera Pflicht sein. Das was hier vom GS195 geboten wird, übertrumpfen die Einstiegsgeräte der asiatischen Mitbewerber allemal. Schade, denn hier verschenkt Gigaset wirklich Punkte. Alles in allem ist das GS195LS dennoch ein interessantes und funktionales Smartphone für die Generation 60+. Übrigens: Die Gigaset-Benutzeroberfläche lässt sich in den Einstellungen auch abschalten. Dann wird aus dem Seniorenhandy wieder ein ganz normales Android-Smartphone mit der bekannten Benutzeroberfläche…

Bildquellen:

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  • Ladeanschluss: Gigaset
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